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Gauck besucht Kierspe — nach zwölf Jahren “Warten”

KIERSPE (mk) Der erste Termin für einen Auftritt von Joachim Gauck war seinerzeit kurzfristig abgesagt worden. Ursprünglich war der Besuch in Kierspe für den 29. Juni geplant gewesen, allerdings im Jahre 2012. Ein Supergau für einen Veranstalter, besonders wenn schon Plakate und Eintrittskarten fertig gedruckt sind. Doch Rolf Muck ist nicht wirklich nachtragend: Im Gegenteil. Beim Gaucks Empfang im PZ der Gesamtschule hielt der KuK-Vorsitzende eines jener Plakate hoch — und betrachtete die Sache mit Humor. Vor allem aber bekundete er viel Verständnis für die Absage, schließlich war Gauck ein Vierteljahr vor dem Termin zum Bundespräsidenten gewählt worden. Nicht nur mit voller Zustimmung der größten deutschen Parteien, sondern auch als Wunsch-Kandidat der damaligen Organisatoren des Gauck-Besuchs. Kurzum: Es wurde darüber geschmunzelt, und man war froh, den Auftritt nun nachholen zu können.

Bürgermeister Stelse brachte des Goldene Buch der Stadt mit. Fotos: Markus Klümper

12 Jahre später, genauer gesagt am 24. Oktober, stand Joachim Gauck nun vor dem vollbesetzten PZ. Die Zeit als Bundespräsident liegt bereits etliche Jahre zurück, was für den Moderator Terry Albrecht die Frage nach der korrekten Ansprache aufwarf: “Mit dem Titel ist jetzt Schluss”, antwortete Gauck in lockerem Gesprächston. Für den nunmehr 84-Jährigen war seine Amtszeit offenbar ein wichtiger Lebensabschnitt, den er aber nicht überbewertet wissen will. Obgleich er als deutsches Staatsoberhaupt neben den repräsentativen Aufgaben täglich hautnah mit der nationalen und internationalen Politik zu tun hatte, und viele Erfahrungen sammelte, die in sein neues Buch einflossen. Das hat der langjährige Pastor zusammen mit Co-Autorin Helga Hirsch geschrieben und trägt den Titel “Erschütterungen”. Der Untertitel: “Was unsere Demokratie von außen und innen bedroht”. Möchte Gauck damit Angst schüren? Keineswegs. Das macht er in seinen Ausführungen deutlich: “Ich habe Angst um die ungarische oder die amerikanische Demokratie, aber nicht um die deutsche.” So will er seine Ausführungen als Warnung verstanden wissen, dennoch vertraut Gauck, dass die demokratischen Strukturen in unserem Land am Ende doch halten.

Es wurde voll im PZ: Die Veranstalter musste noch etliche Stühle aufstellen!

Um die Weltpolitik macht er sich mehr Sorgen, sieht in der deutschen Mentalität aber eine “Mischung aus Verdruss und Ängstlichkeit”. Seine eigene Beziehung zur Demokratie habe, so Gauck, sich dreimal im Leben verändert. Ausserdem, so räumt er ein, habe sich das Gefühl der Sicherheit reduziert. So seien es nicht nur deutsche Parteien mit extremistischen Strukturen, sondern auch Machthaber wie Putin, denen man entgegentreten müsse. Dass Donald Trump möglicherweise ein weiteres Mal US-Präsident wird, mache ihn richtig fertig, bekennt der ehemalige Beauftragte für die Stasi-Unterlagen, dessen Name dadurch untrennbar mit der deutschen Geschichte verbunden bleiben wird.

Als Bürgerrechtler in der DDR gehörte Gauck zur Opposition der SED. Diese Zeit, in der der Osten Deutschlands von den Sowjets maßgeblich gelenkt wurde, bildet ein wesentliches Fundament in der Haltung Gaucks zu Putin und zur russischen Regierung: “Wir müssen uns fragen, ob wir immer die richtige Haltung zu Moskau hatten”, führt in der ehemalige Bundespräsident aus. Dabei gibt er Einblicke in die Geschichte der russischen beziehungsweise sowjetischen Geheimdienste, insbesondere die des KGB, wo Putins steiler Aufstieg begann. Gauck zieht ein Fazit und macht deutlich, dass Vertrauen an dieser Stelle absolut unangebracht ist. Als Christ und Theologe, so räumt Gauck ein, fände er natürlich nicht gut, wenn Waffen geliefert würden, aber manchmal müsse das eben doch sein: “Es ist eine moralische und politische Pflicht, überfallenen Opfern beizustehen.” Seine Haltung zu Waffenlieferungen in die Ukraine ist damit klargestellt.

Auch Moderator Terry Albrecht übergab dem Ehrengast ein Buchgeschenk.

Rund zwei Stunden referierte Gauck, las dabei kaum aus seinem Buch vor. Eine Mischung, mit der das Publikum völlig einverstanden war. Obgleich Gauck anfangs klarstellte: “Wenn Sie nicht mehr mögen, gehen Sie einfach. Sie sind das Volk”. Auch zur aktuellen innerdeutschen Lage hatte Gauck klare Ansichten. Einwanderung sei nötig, eine vernünftige und kontrollierte Integration allerdings auch.

Später konnte er sich einige Seitenhiebe nicht verkneifen. Manche eher ernsthaft, als er anmerkte, Kyrill I. (Geistlicher Patriarch von Moskau und ehemaliger Geheimagent) würde vom KGB mehr verstehen, als vom neuen Testament. Zu Angela Merkels Politik drückte sich Gauck weit respektvoller aus: “Gute Absichten bringen noch keine gute Politik”, so Gauck, der der ehemaligen Kanzlerin aber auch attestierte, sie habe “angesichts der vielen Probleme auch hart geschuftet”. Auch das Volk bekam sein Fett weg, als der ehemalige Politiker trocken erklärte, “der Deutsche hat Rücken”. Sogar Moderator Terry Albrecht, der an diesem Abend die Rolle eines Sidekicks hatte, musste “einstecken”: Gauck hat nach eigenem Bekunden von ihm erwartet, dass Albrecht “öfter mit den Füssen gescharrt hätte, um auch mal zu Wort zu kommen”. Der WDR-Hörfunker nahm es mit Humor, schließlich war seine Zurückhaltung auch eine Frage des Respekts gegen über dem früheren Staatsoberhaupt.

Bürgermeister Olaf Stelse entführte das “Goldene Buch der Stadt” ins PZ, wo Gauck sich gerne eintrug. Wie umfangreich die Widmung ausgefallen war, wurde nicht verraten, bei der anschließenden Signatur-Runde seiner Bücher blieb es bei Unterschriften. Immerhin gab sich der Bürgerrechtler sehr volksnah und freundlich. Stets unter den Argusaugen der BKA-Personenschützer, die allerdings entspannt bleiben konnten. Spätestens die Abfahrt mit zwei schweren Limousinen samt (ausgeschaltetem) Blaulicht rief in Erinnerung, welch hochkarätigen Gast der KuK-Verein für diesen Abend nach Kierspe geholt hat. Wenn auch mit “geringfügiger” Verspätung.

Sehen Sie hier weitere Bilder vom Gauck-Besuch in Kierspe: